Verwirklichung eines Traumes

Die Gründerin der Fundación San Gabriel berichtet über den ersten Impuls, der sie auf die Idee brachte, ein sozialmedizinisches Projekt auf den Weg zu bringen:
In einer stillen Strasse in La Paz, in der Nähe der Universität, lebten zwei Familien einander gegenüber: eine deutscher Kaufmann mit vier kleinen Töchtern und ein Schuster mit neun Kindern. Unbewusst aller gesellschaftlichen und ethnischen Unterschiede, die die Eltern trennten, waren die Kinder innig durch gemeinsames Spielen und Träumen verbunden: „Wenn ich einmal groß bin….“.Gegenseitig war der Trost, wenn strenge Eltern gestraft hatten, die aus ihren Kindern „rechtschaffene Menschen“ machen wollten.
Doch die Unterschiede waren da. Während uns, den Töchtern des Kaufmanns, nichts mangelte und wir – natürlich – die Deutsche Schule besuchten, versuchte der Schulmeister mühsam seine Kinder zu ernähren und sie wenigstens mit einem Bleistift und einem Heft ausgestattet in die staatliche Schule zu schicken. Während wir in einer vollkommenen geschützten und sicheren Welt lebten, in einem großen Haus unter der Aufsicht unseres Kindermädchens, Doña Gab,y und mit dem guten Essen, das Doña Ana kochte, hübsch angezogen mit sauber und gebügelter Kleidung, lebten die Kinder von gegenüber – die „zapateritos“ genannt – in einer Garage, durch einen Vorhang in zwei Teile getrennt: Vorne die Werkstatt, hinten die Wohnung. Sie waren unabhängig, sie passten auf sich selber auf, sie zogen an, was sie gerade hatten und sie wuschen sich am laufenden Wasserhahn im Hof des Hausbesitzers.
Da aber dieser Unterschied so natürlich schien, immer da gewesen war und offenbar immer so sein würde, fühlten wir ihn nicht. Noch weniger weil wir alles teilten: wenn sie zu uns kamen, bereitete Doña Ana in der großen Küche Kaffee und Brote für alle, wenn wir auf der Strasse spielten, teilten wir geröstetes Maiskorn und Kaugummi. Für uns alle war es selbstverständlich, dass Menschen geboren wurden, aufwuchsen und lernten, irgendwann erwachsen zu werden, Kinder bekamen und schliesslich, sehr alt geworden, starben und in einen herrlichen Himmel kamen, wo Gott und die Engel sie erwarteten und wo sie für immer glücklich waren.
Zwei Ereignisse zerbrachen meine naiven Illusionen. Eines, als ich sechs war, das andere, als ich dreizehn wurde. Beide stellten radikal die Lebensweisen der einzelnen Personen in Frage und änderten alle Zukunftsaussichten, die meine Eltern für mich im Sinn hatten.
Alle spielten wir mit dem Baby der Schusterfamilie. Es wurde in einen Kasten gesetzt, der Kasten wurde mit einem Band über den Gehsteig gezerrt, jauchzend oder plärrend, je nachdem ob es geschaukelt oder gestoßen wurde, das Baby war teil von uns. Eines Tages, als ich die Schusterkinder zum Spielen holen wollte, lag das Baby in einem anderen Kasten, sanft schlafend, mit einem weißen Kleidchen angetan, umgeben von der ganzen Familie, die Blumen und Süßigkeiten auf das Kind legten. Sie rückten ein wenig auseinander, um mir Platz zu machen, und ich legte auch Blumen und Süßigkeiten auf die Kleine. Dann nahm der Schuster ein Brett, seinen Hammer und Nägel und wollte den Kasten schließen. Ich erschrak: wenn er das Kind darin einschloss, wie sollte es wieder herauskommen? Niemand sagte etwas, alle schienen bedrückt. Ich kannte den Schuster: er konnte sehr zornig werden, und seine Familie fürchtete ihn. Konnte denn keiner ihn zurückhalten? Niemals zuvor hatte ich meinen ganzen Mut zusammennehmen müssen, aber dieses Mal tat ich es: „Mach nicht zu“! rief ich, „Es wird nicht rauskommen können!“ Der Schuster sah mich an: „Es ist tot,“ sagte er, „Fass doch mal an“. Ich griff nach dem Händchen, dann nach dem Gesicht. Sie waren kalt und steif. Erst blieb die Welt stehen, dann brach die Welt zusammen. Ohne zu wissen, was zu tun oder was zu sagen, sah ich wie der Deckel aufgenagelt wurde, wie der kleine weiße Kasten in ein Tuch gewickelt und auf den Rücken geladen wurde, wie alle aus der Garage traten und sie abschlossen und dann losgingen. Wohin würden sie gehen? Ich wollte mit. Aber der Schuster klingelte an unserer Haustür und gab mich bei meinem Kindermädchen ab. Ich wartete auf meinen Vater. „Warum ist das Schusterbaby gestorben?“ fragte ich. Mein Vater wusste nichts von dem, was da geschehen war. „Es war wohl krank“ ,sagte er. „Und warum ist der Doktor nicht gekommen?“, fragte ich. „Sie hatten wohl kein Geld“ sagte mein Vater. Bezahlte man denn den Doktor? Bis dahin war ich fest davon überzeugt, dass der Doktor, wenn ich krank war, zu mir kam weil er mich lieb hatte, so wie ich ihn lieb hatte. „Wenn ich groß bin“, beschloss ich, „werde ich Ärztin sein und nicht zulassen, dass die Kinder ohne Geld sterben müssen!“

Mehr als sechs Jahre vergingen. Man hörte Gewehrschüsse knallen und Maschinengewehre knattern. Alle blieben im Haus und hingen am Radio. Revolution! Das Volk hatte sich gegen die „Rosca“ erhoben. Wer war das Volk, wer war die „Rosca“? Die Erklärungen waren konfus, das Ergebnis unklar: die „Rosca“ waren die feinen Leute, das Volk waren alle anderen. Es klingelte: draußen standen aufgeregt zwei der Schusterkinder: „Im Park ist ein Mann geplatzt! Gehen wir gucken!“ Wir rannten los. An einem Baum hingen Fleischfetzen, an einem anderen Baum noch mehr, Blut lag am Boden, es roch nach Pulver. Niemand war da, man sah weiter nichts, also gingen wir zurück. „Das Fleisch von den Leuten ist genau so wie das Fleisch, das man isst“, stellte eines der Schusterkinder fest. „Sie sagen, dass der Mann Dynamit in der Hand hatte und zusammen mit dem Dynamit ist er geplatzt!“ sagte der andere. Als wir wieder zu Hause ankamen, fanden wir meinen Vater und den Schustermeister in heller Aufregung, und was für eine Tracht Prügel wir bekamen! „Eine Kugel hätte Euch treffen können!“ Daran hatte keiner von uns gedacht! Die Revolution lehrte mich manches: sie machte Angst, sie brachte Erregung. Sie war gefährlich, sie tötete. Sie polarisierte das Haus: meine Eltern waren feine Leute, das Kindermädchen, die Köchin und die Schustersleute waren das Volk. Trotzdem liebten wir uns alle, und der Schreck der beiden Väter drückte sich auf die gleiche Weise aus: sie gaben uns eine Tracht Prügel. Und ich, was war ich denn? Gehörte ich zu den feinen Leuten oder zu dem Volk? Ich wollte meinen Vater nicht fragen, denn er hätte die richtige Antwort nicht gewusst. Also fragte ich Doña Gaby, das Kindermädchen. „Du“ sagte sie „bist Beides!“ – „Ist das gut?“ fragte ich. „Das ist sehr gut“ sagte sie.
Die Zeit verging. Ich studierte Medizin. Ich wurde Ärztin. Es war 1967. Ich hatte vier kleine Kinder, später würde noch eines dazukommen. Wie würde ich es anstellen, dass die Kinder, deren Eltern kein Geld haben, nicht sterben müssten? Meine Eltern wollten nichts von meinen Ideen wissen. Es gab niemanden, der helfen konnte, ich hatte keinen Pfennig. Aber ich hatte die alte Gaby. „Du mach nur, was Du machen musst, du wirst schon können!“ sagte sie. Und wer dann half, war der Erzengel Gabriel….

 

Der Erzengel Gabriel

Das Krankenhaus verdankt seinen Namen dem Erzengel Gabriel. Was aber sind Engel? Sie sind die Boten Gottes – sie werden vom Himmel gesandt, um den Menschen zu helfen, ihnen Botschaften zu bringen oder sie zu warnen. Der Erzengel Gabriel brachte Maria die Botschaft, dass sie den Sohn Gottes gebären würde – er bringt immer wichtige Botschaften. Aber Engel bringen nicht nur Botschaften, sondern auch ganz praktische Hilfe. Sie beschützen den Menschen – oder befreien jene, die Gottes Werk vollbringen. Er steht als Schutzpatron über diesem Krankenhaus.